Die steigenden Preise für Rohstoffe und Energie lassen die Kosten für unseren Lebensunterhalt spürbar klettern. Lange Zeit galt es als fast „unwirtschaftlich“, Zeit in das Sammeln von Wildpflanzen oder den Anbau von eigenem Gemüse zu investieren – der Supermarkt war schlichtweg zu bequem und günstig. Für viele Gärtner:innen und Sammler:innen stand etwas anderes im Vordergrund: die überlegene Qualität, die Frische und der meditative Ausgleich zum hektischen Alltag.
In den kommenden Monaten könnte das „Selbermachen“ jedoch eine neue Relevanz erfahren – nicht nur als Hobby, sondern als strategische Säule für eine stabile, kostengünstige Versorgung. Bevor wir uns den Schätzen der Natur zuwenden, möchte ich mit einer persönlichen Geschichte dazu einladen, den Blickwinkel auf Verzicht und Wohlstand zu verändern.
Zurück zu den Wurzeln - Eine Geschichte über das Wesentliche
Veränderungen der wirtschaftlichen Lage lösen verständlicherweise Sorgen aus. Der gewohnte Status quo scheint ins Wanken zu geraten. Doch wenn ich auf meine Kindheit zurückblicke, erkenne ich, dass ein einfacherer Lebensstil auch ein Gefühl der Sicherheit geben kann.
Ich bin als eines von fünf Kindern auf einem Bauernhof im Waldviertel aufgewachsen. Auf 900 Metern Seehöhe war das Leben rau, aber geprägt von einer tiefen Bodenständigkeit. Sparsamkeit und eine gewisse Unabhängigkeit waren keine „Lifestyle-Entscheidungen“, sondern schlichtweg unsere Realität.

Autarkie am Küchentisch
Unser Gemüseacker versorgte uns mit dem, was der karge Boden hergab: Kartoffeln, Kraut, Karotten und Rote Rüben. Salat, Fisolen und Ribiseln aus dem Garten ergänzten unser Selbstversorgungs-Spektrum.
Wir lernten früh, dass Vorratshaltung Sicherheit bedeutet. Jedes Jahr wurde Sauerkraut gestampft – ein natürliches Superfood für den Winter. Milch hatten wir von unseren Kühen. Unsere Legehennen und Schweine wurden weitestgehend mit hofeigenem Getreide gefüttert. Die Schweine wurden lange Zeit selbst geschlachtet, jedes Teil wurde verwertet. Aus Schweinefett rührte meine Oma dann noch die traditionelle Ringelblumensalbe.
Ressourcenschonung als Lebenseinstellung
In unserer heutigen Wegwerfgesellschaft wirkt es fast exotisch, doch bei uns wurden Kunststoffbehälter, Gläser und sogar Alufolie gewaschen und wiederverwendet, bis sie buchstäblich zerfielen. Kleidung wurde geflickt, umgenäht oder innerhalb der Familie weitergereicht. Geheizt und gekocht wurde mit Holz aus dem eigenen Wald – der Küchenherd war das Herzstück des Hauses.
Diese Lebensweise hat mich gelehrt: Ein Schritt zurück im materiellen Wohlstand bedeutet nicht zwangsläufig einen Verlust an Lebensqualität. Im Gegenteil: Es schafft Raum für Dankbarkeit gegenüber den Dingen, die man besitzt, und Stolz auf das, was man mit eigenen Händen schafft.
Gemeinsam sind wir stark!
Nun hat natürlich nicht jeder einen Acker oder Garten, oder auch die Möglichkeit, frische Lebensmittel monatelang auf Vorrat unter den richtigen Bedingungen zu lagern. Doch wenn die Voraussetzungen da sind, überlegt, wie ihr sie sinnvoll nutzen könnt. Und wenn ihr sie schaffen könnt, schafft sie.
Es macht Sinn sich zu überlegen, wie man sich mit seinen eigenen vorhanden Ressourcen mehr Unabhängigkeit schaffen kann. Die Prinzipien der Permakultur sind dafür eine gute Grundlage. Was dabei eine besonders schöne Komponente ist: Permakultur hört nicht bei der eigenen Grundgrenze auf. Auch soziale Netzwerke in der Nachbarschaft, Familienverband und Freundschaften erweitern die Möglichkeiten. In Krisenzeiten rückt der Mensch naturgemäß wieder mehr zusammen und baut auf gegenseitige Unterstützung. Netzwerke sind eine unserer stärkste Ressourcen.
Nutze Vorhandenes!
Ob Einkaufen bei Direktvermarktern ab Hof oder garteln Gemeinschaftsgärten im urbanen Raum, Repair-Cafés, Kleidertauschbörsen, Flohmärkte, online Gebrauchtwarenbörsen oder Food Coops und Einkaufsnetzwerke. Es gibt viele Möglichkeiten, sich in Netzwerken zu engagieren und sich so mehr Unabhängigkeit zu schaffen. Es gibt Gemeinschaftsküchen und vielleicht auch Lagermöglichkeiten. Und vieles mehr kann noch entstehen.
Die neuen digitalen Begleiter wie KI Chatbots können euch zudem auch beim Selbermachen und Reparieren unterstützen.
Was in der Natur und im Garten auch immer direkt vor unserer Nase wächst, sind unsere lieben Wildpflanzen. Auf die kann man sich richtig verlassen.
Wildkräuter für mehr Unabhängigkeit
Das Sammeln von Wildpflanzen ist für mich der Inbegriff von Freiheit. Es ist kostenlose Nahrung direkt vor der Haustür. Wer einen Garten hat, sollte diese „wilden Gäste“ nicht als Unkraut bekämpfen, sondern gezielt als Dauerkulturen integrieren. Einige Wildkräuter lassen sich auch gut in Töpfen ziehen. Sie sind widerstandsfähiger als jede gezüchtete Gemüsesorte. Was ein großes Plus in Zeiten des Klimawandels ist.
Zudem haben sie eine deutlich höhere Nährstoffdichte als Kulturgemüse. Beispielsweise hat Giersch 18x mehr Vitamin C als ein Endiviensalat, Löwenzahnblätter haben mehr Vitamin A als Karotten und Brennnesselblätter sind genauso eiweißreich wie Hülsenfrüchte. Um Mengen sammeln zu können, die für die eigene Versorgung wirklich relevant sind, macht es Sinn sich auf Pflanzen zu konzentrieren, die rasch und üppig wachsen und die häufig vorkommen.
Es folgt meine empfohlene Auswahl Wildpflanzen:
Wildgemüse & Wildfrüchte: Sattmacher und Kraftspender
Giersch:
Er gilt als „Gärtnerschreck“, ist aber ein hervorragender Spinatersatz. Er kann auch zum Würzen wie Petersilie verwendet werden. Dank seines hohen Gehalts an Vitamin C, Provitamin A, Mineralstoffen, Eisen und etwas Proteinen ist er eine gute Vitamin- und Nährstoffquelle. Und das beste: Gierschblätter kann man von Frühling bis Herbst sammeln.
- Standort: Der Giersch wächst an verschiedensten halbschattigen Standorten. Er mag frische, nähr- stoffreiche Böden. So findet man ihn in Wäldern, an Waldrändern, an Ufern, in Gärten und Parks. Häufig duckt er sich unter Sträucher.
- Anbau: Vermehrung am besten über gegrabene Wurzeln, die im Gartenbeet, Hochbeet, in großen Töpfen auf Terrasse und Balkon versenkt werden. Wichtig: einmal eingepflanzt wuchert er alles zu und man wird ihn nicht mehr los. Echt zuverlässig!
- Verwenden: Blätter wie Spinat, Salat oder Petersilie
- Haltbarmachen: trocknen, einfrieren, Pesto oder wie Sauerkraut fermentieren
Brennnessel:
Ein wahres Kraftpaket. Die Blätter sind ein vitamin- protein- und eisenreiches Gemüse. Außerdem haben Brennensselsamen und getrocknetes Brennnesselpulver einen Eiweißgehalt, der mit Hülsenfrüchten vergleichbar ist. In Zeiten großer Entbehrungen war sie der „Retter in der Not“, da sie fast überall wächst. Die getrockneten Samen wurden Brotmehl untergemischt um das Mehl zu strecken und gleichzeitig den Nährstoffgehalt zu heben. Ein Grund mehr also, die Brennnessel im Garten wuchern zu lassen.
- Standort: auf nährstoffreichen Plätzen in Gärten, auf Schuttplätzen und an Waldrändern, wächst auch in großen Töpfen auf Balkon und Terrasse.
- Anbau: Vermehrung über reife Samen (September-November) oder Wurzelverpflanzung
- Verwenden: wie Spinat, getrocknete Blätter als Eiweißpulver, getrocknete Samen vermischt mit Mehl zum Backen
- Haltbarmachen: trocknen, einfrieren, Pesto
Löwenzahn:
Von der Wurzel (als Kaffeeersatz oder Gemüse) über die Blätter (Salatbeigabe) bis zur Blüte ist die gesamte Pflanze nutzbar. In Notzeiten wurde die gesamte Pflanze genutzt. Die geröstete Wurzel diente als Kaffee-Ersatz („Muckefuck“), während die Blätter als Salat die Vitaminversorgung sicherten. Löwenzahnblätter haben mehr Vitamine A als Karotten und genauso viel Eisen wie Rindfleisch. Durch ihren Pollenreichtum sind auch die Blüten sehr reich an Vitaminen, Mineralstoffen und Aminosäuren.
- Standort: nährstoffreich, ansonsten keine besonderen Ansprüche
- Anbau: über Samen oder Pflanzung von 2cm großen Wurzelstücken im Gartenbeet
- Verwenden: Blätter und Stängel (Ernte März-April) für Salatbeigaben, Wurzeln (Ernte Frühling oder Herbst) als Gemüse oder geröstet als Kaffeeersatz, Blüten (Ernte April-Juni) als Salatbeigabe, gut ausgezupft für Süßspeisen oder zur Herstellung eines Sirups (oder Oxymel).
- Haltbarmachen: Trocknen, einlegen
Vogelmiere:
Diese Pflanze wächst oft sogar unter einer Schneedecke weiter. In harten Wintern war sie oft die einzige frische Quelle Vitamin und Mineralstoffquelle. Die Vogelmiere wächst in jedem Gartenbeet und Blumentopf, man kann sie das ganze Jahr über ernten. Eine Handvoll dieser Wildpflanze deckt den Tagesbedarf an Vitamin C. Außerdem ist der Geschmack angenehm erbsig und nussig.
- Standort: Man findet die Vogelmiere im Halbschatten in Gärten, auf Äckern und auf sehr reichhaltigen Böden. Sie wächst im Hochbeet genauso gerne wie in Pflanzentöpfen.
- Anbau: Dort wo sie von selbst kommt, einfach wuchern lassen! Vermehren in dem man reife Samen verteilt oder ganze Pflanzen verpflanzt.
- Verwenden: die gesamte Pflanze das ganze Jahr über für Salate, Pestos, Suppen, geschnitten auf Butterbrot,…
- Haltbarmachen: Trocknen, Pesto, einfrieren
Klette:
Die Wurzel der Klette wurde in früheren Zeiten (ähnlich wie Schwarzwurzeln) als Gemüse angebaut. Sie sind sehr kohlenhydratreich und bieten eine stabile Energiequelle. Die Wurzeln können roh oder gekocht verzehrt werden. Sie schmecken milder als Löwenzahnwurzeln. Die jungen Stängel und Blätter sind ebenso essbar.
- Standort: Die Klette mag frische, nährstoffreiche und kalkhaltige Böden. Man findet sie an Wegrändern, Zäunen, Flussufern und in Auwäldern.
- Anbau: über Samen, diese kann man kaufen oder in der freien Natur sammeln. Bei dieser mächtigen Pflanze braucht es einen Standort im Garten.
- Verwenden: junge Blätter und Stiele (Ernte Mai-Juni) für Salate, Wurzel (Ernte Frühling oder Herbst) als Wurzelgemüse, gemischt mit anderen Gemüsearten, für Suppen.
- Haltbarmachen: trocknen, fermentieren
Weißer Gänsefuß:
Aufgrund seine Vermehrungslust das Schreckgespenst auf Acker und im Garten. Der Weiße Gänsefuß ist ein wertvolles und nährstoffreiches Wildkraut, das in vielen Gemüsegärten und auf vielen biologisch bewirtschafteten Hackfruchtäckern zu finden ist. Die Pflanze ist spinatartig, wächst von selbst und muss nicht gepflegt werden.
In Notzeiten waren der Weiße Gänsefuß und seine Verwandten wichtige Nahrungsquellen. Seine Verwendung als Gemüse geht bis in die Steinzeit zurück. Sowohl die Blätter als auch die Samen sind Protein- und Vitaminreich. Die Samen können wie Getreide (z.B.: Mehl oder für Brei) verwendet werden, allerdings sollten sie bei einer derart intensiven Verwendung zuerst 1 Stunde in Wasser eingeweicht und anschließend verkocht oder im Backofen getrocknet werden.
- Standort: wächst auf nährstoffreichen Böden in Gärten, auf Äckern und an Schuttplätzen.
- Anbau: am einfachsten über die reifen Samen. Wächst im Garten und in Töpfen. Die Samen sind lange im Boden überlebensfähig. Die Samen sollten nicht in den Kompost und die Erde von den Gänsefuß-Standorten sollte nicht im Garten verteilt werden.
- Verwenden: Blätter (Ernte April-Juni) wie Spinat, für Suppen, Salate, Aufläufe; Samen (Ernte Juli-September).
- Haltbarmachen: trocknen, Pesto, einfrieren
Kriech-Quecke:
Was Gärtner heute verzweifeln lässt, rettete früher Leben. Die zuckerhaltigen Rhizome (Wurzelstöcke) wurden getrocknet, gemahlen und zum Strecken von Getreidemehl verwendet oder zu Sirup eingekocht. Die Queckenwurzel schmeckt süßlich und ist reich an Kohlenhydraten und Kieselsäure. Sie enthält außerdem Vitamin A und B sowie Eisen. Die getrocknete Queckenwurzel wird zu Mehl weiterverarbeitet und kann zum Binden verwendet oder unter Getreidemehl gemischt werden.
- Standort: besonders anpassungsfähig, auf nährstoffreichen, eher trockenen und mäßig frischen Böden. Sonnig bis halbschattig.
- Anbau: der Anbau mit 2 cm großen Wurzelstücken ist gelingsicher. Im Garten oder in einem großen Topf. Wie beim Giersch gilt: einmal Quecke, immer Quecke.
- Verwenden: getrocknete Wurzel (ganzjährig sammeln) als Mehlzugabe.
- Haltbarmachen: trocknen

