Die Weißbeerige Mistel (Viscum album L.) ist eine der faszinierendsten Erscheinungen der europäischen Pflanzenwelt. Während sie im Sommer oft im Laub ihrer Wirtsbäume verborgen bleibt, ist sie im Winter als kugeliges, immergrünes Büschel in den kahlen Kronen von Laubbäumen besonders gut sichtbar.
Botanisch gesehen hat die Mistel eine Sonderstellung: Als Halbschmarotzer entzieht sie ihrem Wirt Wasser und Nährsalze, betreibt aber selbst Photosynthese und produziert somit für sich selbst Energie. Ihre biologischen Besonderheiten – vom Fehlen echter Wurzeln bis hin zur Keimung auf Rinden – machen sie ebenso einzigartig wie ihre jahrtausendelange Geschichte als rituelle Pflanze und Heilmittel.
Hier wächst die Mistel
Die häufigste heimische Mistelart ist die Weißbeerige Mistel (Viscum album). Sie ist in Europa, Nordafrika und Teilen Asiens weit verbreitet. In Mitteleuropa unterscheidet man drei Unterarten, die jeweils spezifische Wirtsbäume bevorzugen:
- •Laubholz-Mistel (V. album subsp. album): Sie besiedelt eine Vielzahl von Laubbäumen (z.B.: Apfelbaum, Pappeln, Linde, Ahorn, Weide, Robinie, Weißdorn, Rosskastanie, Hainbuche, selten auch Birnbaum). Die Rotbuche und die Platane gelten als „mistelfest“. An diesen Bäumen siedelt sich die Mistel nicht an.
- •Tannen-Mistel (V. album subsp. abietis): Hauptsächlich auf der Weißtanne zu finden.
- •Kiefern-Mistel (V. album subsp. austriacum): Vorwiegend auf Kiefern, seltener auf Lärchen oder Fichten.

Die Mistel erkennen
Der immergrüne symmetrisch kugelige Strauch wird besonders in der laubfreien Zeit an den Bäumen sichtbar. Ergattert man einen Mistelzweig, kann man die genauen Merkmale unter die Lupe nehmen:
- Wuchsform: Ein kugeliger, immergrüner Strauch mit einem Durchmesser von bis zu einem Meter. Die Mistel wächst langsam, pro Jahr entwickelt sich ein Sprossglied (Trieb mit zwei gegenständigen Blättern am Ende). So kann man das Alter der Mistel schätzen. Ein ca. 50 Zentimeter langer Mistelzweig ist zirka 30 Jahre alt.
- Blätter: Die Blätter sind ledrig, gegenständig angeordnet, länglich-lanzettlich und von gelbgrüner Farbe. Sie überdauern mehrere Winter.
- Blüten: die Mistel ist zweihäusig, das heißt, es gibt rein männliche und rein weibliche Pflanzen. Die Blüten sind unscheinbar mit 4 kleinen Blütenblättern und gelblicher Farbe. Mit 6-7 Jahren blüht die Mistel zum ersten Mal. Die Blütezeit reicht von Jänner bis April.
- Früchte: Die weißen Beeren reifen im Winter (November bis Januar). Sie enthalten einen grünen Embryo, der bereits Chlorophyll besitz, was für Samen ungewöhnlich ist. Faszinierend ist, dass die Beeren, wenn sie ausgereift sind, in eine Art Reife-Starre verfallen und über mehrere Jahre in diesem Zustand überdauern, damit sie nicht verfaulen. Erst wenn der Same auf einem Wirtsbaum klebt, beginnt die Keimung.
Männliche und weibliche Pflanzen kann man am einfachsten darin unterscheiden, dass Früchte nur an weiblichen Misteln gedeihen. Darüber hinaus tragen die weiblichen auch Blüten mit Fruchtknoten. Die männlichen Misteln bilden kleinere gelbliche Blüten mit Pollen.


Ohne Vögel, keine Mistel
Die Mistel wächst auf Bäumen. Und wie sollen ihre Samen dort hin gelangen? Am besten mit geflügelten Verbreitern. Vögel fressen die klebrigen Beeren, der Samen passiert den Verdauungstrakt unbeschadet und fällt mit etwas Glück mit dem Kot wieder auf die Rinde eines geeigneten Wirtsbaumes.
Für die Keimung ist wichtig, dass die ledrige Fruchtwand durch die Vögel aufgepickt wird.
Misteldrossel, Wacholderdrossel, Seidenschwanz und Mönchgrasmücke sind Vögel, die für die Verbreitung der Mistel sorgen. Die letzten Beiden sind dabei besonders effektiv, denn sie schlagen die Beeren auf, fressen das Fruchtfleisch und der Same bleibt am Speiseplatz direkt am Baum kleben.

Vom Samen zum Strauch
Der Lebenszyklus der Mistel beginnt dort, wo die meisten anderen Pflanzen scheitern: auf der nackten Rinde eines Astes. Dieser Erfolg startet mit dem extrem klebrigen Stoff namens „Viscin“, der die Samen umgibt. Viscin wird zum einen nicht im Verdauungstrakt abgebaut, so kann der Mistelsame wieder unversehrt ausgeschieden werden, zum anderen sorgt er dafür, dass der Same an der Rinde haftet.
So geht es danach weiter:
- Keimung: Der grüne Embryo im Samen beginnt unter Lichteinfluss zu wachsen. Im ersten Jahr wächst ein kleiner Keimstängel in Richtung Stamm. Erreicht dieser die Rinde, bildet er eine Haftscheibe aus. Spannend ist hierbei, dass das Wachstum, im Unterschied zu den meisten anderen Pflanzen, gegen das Licht erfolgt.
- Penetration: Aus der Haftscheibe bildet sich ein Penetrationskeil, der die Rinde des Wirtsbaumes durchbricht. Darauf hin entwickelt sich ein Saugfortsatz, der an die Saftbahnen andockt. Mit der Zeit entsteht daraus eine sogenannte Primärwurzel und weitere Senkerwurzeln, die immer weiter ins Leitungsgewebe vordringen. Sobald das Leitungsgewebe erreicht ist, beginnt die Mistel zu wachsen.
- Wachstum: Die Mistel wächst sehr langsam. Im ersten Jahr bildet sich oft nur ein kurzes Stämmchen. Erst ab dem zweiten Jahr entstehen die charakteristischen gabeligen Verzweigungen (Dichotomie). Eine Mistel kann 30 bis 50 Jahre alt werden.
Die Eichenmistel ist anders
Neben der Weißbeerigen Mistel ist auch noch die Eichenmistel (Loranthus europaeus) heimisch. Wie der Name vermuten lässt, wächst sie hauptsächlich auf Eichenarten, sehr selten auf der Rosskastanie.
Im Gegensatz zur Weißbeerigen Mistel hat die Eichenmistel gelbe Beeren. Außerdem haben ihre Äste eine braune Rinde, stark verholzte Triebe und sie ist sommergrün. Sie wirft im Herbst ihre Blätter ab, im Winter sind nur die gelben Beeren sichtbar.
Die Eichenmistel wird auch als „Leimmistel“ bezeichnet. Mit den reifen Früchten dieser Mistel wurde früher bevorzugt Vogelleim zum jagen von Vögeln hergestellt. Die Jagd auf Singvögel ist heute streng verboten. Die Früchte der Eichenmistel enthalten Kautschuk, weshalb der Leim auch klebrig blieb, wenn er trocken war. Die Früchte der Weißbeerigen Mistel haben nur wenig bis keinen Kautschuk.

Schadet die Mistel ihren Wirtsbäumen?
Die Mistel braucht, da sie nicht im Boden wurzelt, vor allem Wasser und Mineralsalze vom Baum. Doch sie nimmt mehr, als sie eigentlich rein biologisch müsste. Sie ist als Halbschmarotzer in der Lage, Zucker selbst zu produzieren, zapft jedoch trotzdem die Leitungsbahnen an, in denen ihr Wirt den Zucker transportiert. Der Hintergrund ist nach wie vor ein Rätsel.
Je nach Ausmaß des Befalles (wie viele Misteln auf einem Baum wachsen), sind Misteln mehr oder weniger problematisch für die Bäume. Da sie an deren Energieversorgung mitnaschen, beeinträchtigt ein Mistelbesatz das Wachstum der Bäume. Ein starker Mistelbefall kann dazu führen, das der Ast oder der gesamte Baum absterben.
In Obstplantagen werden Misteln daher bekämpft. Es wird auch empfohlen, Misteln auf Streuobstwiesen zu entfernen.
Wie kann die Mistel verwendet werden?
Die Verwendung der Mistel erstreckt sich über kulturelle und medizinische Bereiche, wobei die Grenzen zwischen Nutzen und Risiko aufgrund ihrer Inhaltsstoffe scharf gezogen werden müssen. Die Mistel ist jedenfalls keine Pflanze für die Selbstanwendung.
Pflanzenbrauch und Symbolik
Kaum eine Pflanze ist so tief in der europäischen Mythologie verwurzelt. Plinius der Ältere berichtet in seiner Naturalis historia, dass die Kelten die Mistel (besonders wenn sie auf Eichen wuchs) als hochheilig verehrten. Sie wurde mit einer goldenen Sichel geschnitten und wurde mit weißen Tüchern aufgefangen, da sie den Boden nicht berühren durften, um ihre Kraft nicht zu verlieren.
Im Volksglauben galt die Mistel als „Donnerbesen„, der Blitzeinschläge abwehren und böse Geister (Druden) vertreiben sollte. Man hängte sie über Stalltüren und Wiegen auf.
Als immergrüne Pflanze, die ihre Vitalität inmitten der winterlichen Kahlheit der Bäume bewahrt, ist die Mistel ein fest verankerter Bestandteil des Weihnachts- und Neuchtjahrsbrauchtums. Da sie, auch bei Frost grün bleibt und im Winter Früchte trägt, wurde sie bereits in vorchristlicher Zeit zum Symbol für die Überwindung des Todes, Fruchtbarkeit und die Wiederkehr des Lichts.
Heute dient die Mistel weltweit als dekorativer Raumschmuck. Der Brauch, Mistelzweige über Türen aufzuhängen, soll nach der Volkskunde also Segen bringen und Unheil abwehren, wobei der bekannte „Kuss unter dem Mistelzweig“ auf angelsächsische Traditionen des 18. Jahrhunderts zurückgeht. Ein Kuss unter dem Mistelzweig gilt als Versprechen für eine baldige Hochzeit und ewiges Glück.
Medizinische Anwendung der Mistel
Die Mistel hat auch einen Platz in der traditionellen Heilkunde. Von der Antike bis zur Neuzeit wurde die Mistel unter anderem bei Bluthochdruck, aber auch zu niedrigem Blutdruck, bei inneren Blutungen, altersbedingten Herzschäden und als Blutstiller im Wochenbett eingesetzt.
In der modernen Heilkunde werden wässrige Kaltaufgüsse zur unterstützenden Behandlung von leichtem Bluthochdruck und als immunstimulierendes Mittel eingesetzt.
Empfohlen wird, immer auf standardisierte Präparate zurückzugreifen.
Keine Selbstanwendung bei der Mistel
Von einer eigenständigen Zubereitung (z. B. als Tee) wird dringend abgeraten. Die Konzentration der wirksamen und leicht giftigen Inhaltsstoffe schwankt je nach Art, Wirtsbaum und Sammelzeitpunkt extrem. Daher besteht die Gefahr einer Überdosierung. Medizinische Misteltherapien sollten ausschließlich mit Apothekenpräparaten und unter ärztlicher oder Begleitung durchgeführt werden.
Die Beeren der Mistel bekommen uns Menschen ebenfalls nicht gut. Deren Verzehr kann zu Übelkeit, Erbrechen und Durchfall führen.
Ein Name, der im Gedächtnis klebt
Der botanische Name „Viscum“ leitet sich vom lateinischen „viscosus“ ab, das „klebrig“ bedeutet. Der deutsche Name Mistel fußt im urgermanischen „mihst“, eine Bezeichnung für Kot, Dünger oder krankhaftem Auswuchs.
Zusammenfassend ist die Mistel ist eine besondere Pflanze, die oft dann in Erscheinung tritt, wenn die Laubblätter ihrer Wirtsbäume abgefallen sind. Also in der vegetationsfreien Zeit. Bei Outdoorwanderung von Spätherbst bis Frühling kann man also auf Mistelsuche gehen.
Auch wenn sie nicht für die innerliche Selbstanwendung bestimmt ist, diese Pflanze steckt voller Symbolkraft, und botanischer Eigenarten, die wir vermitteln können.
Diesen und weitere Artikel findest du im Mauritiushof Naturmagazin (Ausgabe 1/26)
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