Wacholder, der lebensfrische Strauch

22 Dezember 2022

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„Vor dem Holunder sollst du den Hut ziehen und vor dem Wacholder niederknien.“ So lautet ein altes Sprichwort, das vielen älteren Menschen, die ich nach dem Wacholder befrage, wie aus der Pistole geschossen über die Lippen kommt.

Warum bloß diese Ehrfurcht? Ich mache mich auf die Suche, ob ich den Wacholder in meiner Umgebung finde und bitte eine ortskundige Nachbarin, mir dabei zu helfen. „Bist du narrisch“, denk ich mir, als wir bei einem Prachtexemplar am Waldrand angelangt sind.

Wachstum und Standort des Wacholders

Lat. Name: Juniperus communis, Art: Zypressengewächse

Auf steinigem Untergrund steht der zu den Zypressengewächsen zählende Strauch. Der Wacholder bevorzugt trockene Standorte wie etwa Heiden oder das Unterholz lichter Wälder. Offene, Brachflächen mag der Wacholder am liebsten. Da es solche nur mehr in geringer Zahl gibt, ist auch der Wacholder sehr selten geworden. Seine Dezimierung setzt man auch mit dem Rückgang der Schafwirtschaft und der wieder Aufforstung zusammen. Bis ins 16. Jahrhundert, in der die Landschaft noch von intensiver Abholzung und Schafweiden geprägt wurde, war der Wacholder sehr häufig.

Von der Wuchshöhe können Wacholderstauden sehr unterschiedlich sein. Es gibt Exemplare, die maximal einen halben Meter hoch werden (bei Beschattung) und welche, die über 10 Meter hoch wachsen können.

Vor so einem Riesen stehe ich nun und es wird im mir still. Respekt und Staunen empfinde ich. Eine immense Vitalität und Stärke strahlt er aus. Das mussten wohl auch seine Namensgeber erkannt haben. Der Wacholder (althochdeutsch: „wecholder“, „wechalter“) setzt sich aus den Worten „wehhal“, „wachal“ = neuhochdeutsch wach, munter, lebensfrisch und „der“ = Baum, Strauch zusammen.

Der Name lässt sich also als „lebensfrischer Strauch“ deuten.

Ich traue mich in die Nähe des Wacholderstrauches und berühre die gräulich grünen Nadeln. Die graue Farbe kommt von dem Wachsstreifen an der Unterseite der Nadeln. Sie sind sehr spitz und stechen. Ich finde auch ein paar reife Wacholderbeeren. Beim Pflücken bin ich sehr vorsichtig, trotzdem ist es eine schmerzhafte Angelegenheit! Umso besser schmecken die frisch geernteten Beeren.

Beeren oder Zapfen?

Da der Wacholder zu den Nadelbäumen zählt, handelt es sich bei den Früchten botanisch genau genommen um Zapfen. Der Wacholder ist zweihäusig, es gibt männliche und weibliche und weibliche Pflanzen. Männliche Blüten sind gelblich und zirka 5mm groß man kann sie in der Blütezeit im April erkennen. Weibliche Blüten sind grünlich und um die 3mm groß. Aus ihnen reifen die Beeren heran, welche man im Oktober pflücken kann. Eine Beere kann 2-3 Jahre bis zur Reifung brauchen. Auf einem Wacholderstrauch sitzen immer reife und unreife Beeren.

Nach der Ernte werden Wacholderbeeren an einem schattigen und luftigen Ort ausgebreitet und langsam getrocknet. Auf keinen Fall soll dabei künstliche Wärme zugeführt werden.

Ahnenbaum und alter Glaube

Weiche, böser Geist! Seit alters her, wird dem Wacholder eine Abwehrende und beschützende Wirkung zugeschrieben. Hexerei, Zauberei und bösen Geistern macht der Wacholder laut altem Volksglauben den Garaus. Wacholderzweige ins Fundament mitgemauert, über die Stalltüre oder Haustüre gehängt, vertreiben den Teufel, so glaubte man.

Wenn man einen genauen Blick auf die Beeren wirft, kann man einen dreistrahligen geschlossenen Spalt am Beerenscheitel erkennen. Auch von den Ästchen stehen pro Qirl drei Nadeln weg. Mit der Zahl Drei verbanden unsere Vorfahren eine göttliche oder heilige Kraft.

Im Mittelalter wurde er auch zum Schutz vor ansteckenden Krankheiten verwendet.

Man glaubte früher aus dem Wachholder würden die Stimmen der Ahnen sprechen um für Recht und Ordnung zu sorgen. Es galt als frevlerisch und sündig, einem Wacholderstrauch Schaden zuzufügen. Es hieß, wer einen Wacholder fällt, würde Unglück im Hause heraufbeschwören.

Es gibt Geschichten über eine göttliche Eingebung, die ein Vogel, über das von der Pest geplagte Land fliegen, zwitschernd verkündete: „Iss Kranewitt und Bibernell, dann stirbst du nit so schnell!“

Zum Schutz vor der Pest aßen die Menschen also Wacholderbeeren oder räucherten ihre Behausungen mit Wacholdernadeln oder –holz aus. Auch heute noch gibt es Menschen, die Krankenzimmer oder Ställe mit Wacholder ausräuchern um Mensch und Tier vor Ansteckung zu schützen.

Man verwendete dazu die Triebspitzen des Wacholders. Heute bedient man sich beim Räuchern der Beeren. Einer Räucherung mit Wacholder schreibt man auch heute noch eine reinigende, klärende und erdende Wirkung zu.

Wirkung und Anwendung des Wacholders

Für den Wacholder sind weit über hundert Volksnamen entstanden. Kranawitten, Wachandel, Feuerbaum, Reckholder (Reck=Rauch) oder Weihrauchbaum (das Harz des Wacholders wird auch als deutscher Weihrauch bezeichnet) sind nur ein paar Beispiele. Den Wacholder verehrte man zutiefst, weil man noch um seine vielseitige Wirkung wusste.

Hieronymus Bock schrieb in seinem „Kreutterbuch“ 1577 lobende Worte über den Wacholder: „ist in summa die würckung und tugent deß Weckhoterbaums zu beschreiben nit wol möglich.“

Eine lange Tradition hat der Wacholder auch in der Volksmedizin. Wie Ausgrabungen belegen, verwendeten unsere Vorfahren schon in der Jungsteinzeit Wacholderbeeren. In der Antike beispielsweise nutzte man den Wacholder zur Wundbehandlung. Man kannte ihn auch als galle- und harntreibendes Mittel. 

Der mittelalterliche Arzt Leonhard Fuchs schrieb 1543 folgendes über den Wacholder: „Die beer vom Weckholder seind dem magen gut / dan sie krefftigen vnd sterken selbigen. Sie vertreiben den husten / das bauchblehen / vnnd allerley gift. Weckholder beer reinigen vnnd eröffnen die leber / vnd die nieren / dan sie zerteylen und machen dün die grobe vn zähe feuchtigkeit. Treiben zimlich den harn. / Es tödt die würm im leib / heylet und trücknet aus die vnreinen fisteln / stellet der weiber kranckheyten / Weckholderöl ist seer gut denen so den krampff haben / vnd das hüfftwee / dinet auch wol zu alllerley kranckheyten / so von kalten flüssen entsteen.“

Pfarrer Kneipp setzte Wacholderbeeren zur Kräftigung de Appetits und der Verdauung ein. In Wein gekochte Beeren wurden als harntreibendes Mittel genutzt und um „faulige, schleimige Stoffe“ aus dem Körper zu leiten.

Auch heute findet man in manchen Gegenden traditionelle Überlieferungen zum Gebrauch des Wacholders. Wacholderbeeren kauen soll vor Ansteckung schützen. Zerstoßene Beeren auf die Stirn gelegt, sollen Kopfschmerzen lindern und der Rauch von Wacholderbeeren durch einen Trichter eingesaugt soll Zahnweh stillen.

Ich verbeuge mich und gehe Wacholderbeeren kauend nach Hause.

Wichtig: Wacholder ist in Österreich und Deutschland geschützt. Die Beeren und kleine Zweiglein dürfen jedoch gesammelt werden. Es wird davor gewarnt, es mit der Dosierung der Wacholderbeeren nicht zu übertreiben. Eine lange Anwendung oder größere Mengen an Wacholderbeeren kann die Nieren reizen. Bei Nierenleiden oder in der Schwangerschaft sollte man auf Kuren mit Wacholderbeeren verzichten!

Wacholder_verneigen_GruenKraft_Gerda Holzmann

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